Die Wahlbeteiligung in Schlaglichtern

Als die Bürgerinnen und Bürger in “Rheinland-Pfalz” erstmals aufgerufen waren, Vertreterinnen und Vertreter in ihren Stadtrat oder ihren Kreistag zu wählen, gab es noch kein durch Wahlen organisiertes Bundesland und noch weniger einen demokratisch gebildeten deutschen Staat. Von 1946 aus gesehen war es sogar noch Zukunftsmusik, dass dieses Rheinland-Pfalz eine Verfassung und ein demokratisch gewähltes Landesparlament erhalten würde. Die Kommunalwahl am 15. September 1946 war tatsächlich für die Menschen in der Region die erste demokratische Erfahrung.

Schaubild Wahlen in Rheinland-Pfalz 1947–1960, aus: Die Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz am 23. Oktober 1960 (= Statistik von Rheinland-Pfalz, hg. vom Statistischen Landesamt Rheinland-Pfalz, Bd. 87), Bad Ems 1961, S. 8.

Das „Land“ Rheinland-Pfalz war auf Anordnung der französischen Besatzungsbehörden (Verordnung „No. 57“) vom 30. August 1946 eingerichtet worden. Es umfasste die ehemals preußischen Regierungsbezirke Trier, Koblenz, Mainz und Montabaur und die bayerische Rheinpfalz („Rheinkreis“). Bei diesem „Land“ handelte es sich in erster Linie um eine Verwaltungseinheit, an deren Dauerhaftigkeit selbst ihre Befürworter kaum glaubten. In der Notsituation der unmittelbaren Nachkriegszeit, die durchweg für die Wahljahre 1946, 1947, 1948 anzusetzen ist, dürfte der Fortbestand des Bundeslandes nur von wenigen Menschen für wirklich wichtig erachtet worden sein.

Abgesehen von den Sorgen, die die Menschen damals tagtäglich umtrieben, müssen die persönlichen Beeinträchtigungen bei der Ausübung des Wahlrechts in Rechnung gestellt werden. Ungezählte Menschen waren aus den Städten evakuiert worden und standen, sofern sie die Rückkehr ermöglichen konnten und wollten, förmlich vor dem Nichts. Verletzungen, Krankheiten, der Verlust naher Familienangehöriger, Wohnungslosigkeit und schiere materielle Bedürftigkeit in allen erdenklichen Zusammenhängen konnten kaum dazu anreizen, sich an politischen Verfahren zu beteiligen, zumal wenn diese wie in der Region von der Besatzungsmacht eingeleitet wurden. Dazu kamen, wohl am stärksten 1946, technische und administrative Probleme – etwa resultierend in der Papierknappheit –, die die Geduld der Wählerinnen und Wähler strapaziert haben werden.

Literatur

  • Dorfey, Beate, Stationen, Determinanten und Ausmaß der Konsolidierung des Landes, in: Beiträge zu 50 Jahre Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, hg. von Heinz-Günther Borck, Koblenz 1997, S. 89–114.

  • Kahlenberg, Friedrich P. / Kißener, Michael (Hgg.), Kreuz – Rad – Löwe. Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte, Bd. 2. Vom ausgehenden 18. bis zum 21. Jahrhundert, Mainz 2012.

  • Kißener, Michael, Kleine Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz. 2., verb. Aufl., Karlsruhe 2008.

  • Lönig, Martin, Verhältniswahl auf Grund gebundener Vorschlagslisten: Die Wahlen in der französischen Besatzungszone 1946/47 am Beispiel Badens, in: Ders. / Fabian Michl (Hgg.), Verordnete Demokratie? Die Nachkriegswahlen 1946/47, Göttingen 2023, S. 35–48.

  • Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Wahlstatistik, Zeitreihen Land: Stadtratswahlen der kreisfreien Städte und Kreistagswahlen 1948–2014 [online].

  • Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Wahlstatistik, Zeitreihen Land: Gemeinde-/ Stadtratswahlen 1948–2014 nach Parteien [online].

 

Verfasser: Stephan Laux (Stand: 27.7.2023)